Phantasiereise und Rollenspiel: Verloren in der chinesischen Provinz

Autoren: Heiner Aldebert, Claudia Bayer-Feldmann

Wir skizzieren hier nur die Szenerie, die Einzelheiten der Phantasiereise werden Sie als Lehrer spontan ausschmücken.

Als Hintergrund könnte man annehmen, die Klasse habe eine Klassenfahrt nach China gewonnen. Sie führen Ihre Schüler in der Phantasie in eine fremde, namenlose Großstadt in der chinesischen Provinz, in der niemand Deutsch oder Englisch spricht. Alle Schilder sind nur auf Chinesisch. Massen von Menschen sind rundum, unbekannte Gesichter, Geräusche, die die Schüler nicht kennen. Der Lehrer vereinbart nach einer Stadtrundfahrt mit den Schülern, dass sie eine Stunde alleine in der Stadt herumlaufen können. Dann sollen sie sich am Bus wieder treffen. Einer entscheidet sich, alleine durch die Stadt zu streifen. Zur verabredeten Zeit ist er am ausgemachten Ort, aber der Bus ist nicht da. Hat er sich in der Zeit geirrt, im Ort? Er wird unsicher, läuft herum, bald hat er sich im Straßengewirr verlaufen. Überall fremde Gesichter, das Handy funktioniert nicht. Panik steigt auf, Wut über sich selbst. Was soll er nur tun? Er kommt schließlich an einen Platz, an dem viele Leute herumstehen. Aber niemand beachtet ihn. An dieser Stelle könnten Sie Ihre Schüler bitten, in Einzelarbeit in 5 bis10 Minuten aus der Perspektive der verloren gegangenen Schüler ihre Gedanken und Empfindungen aufzuschreiben, vielleicht auch Überlegungen, was er weiter machen kann. Der Text könnte beginnen: Was ist bloß los ...?

Während die anderen schreiben, könnten Sie drei Schüler bitten, sich auf eine kleine Spielszene vorzubereiten. Sie geben ihnen dafür folgende schriftliche Rollenanweisungen:

1. Du antwortest der verloren gegangenen Person in einer Phantasiesprache. Du willst sie nur loshaben. Du winkst ab, wimmelst sie ab, schließlich lässt du sie einfach stehen und gehst weg.

2. Du versuchst, die verloren gegangene Person von ihren Problemen abzulenken. Du zeigst ihr den Himmel, Bilder, du legst ihr den Arm um die Schulter und versuchst, sie mit sanfter Gewalt zum Hinsetzen zu bewegen. Du kannst auch Grimassen schneiden, ihr etwas vorspielen, jonglieren oder singen, jedenfalls machst du keine Anstalten, auf ihr Anliegen einzugehen.

3. Du konfrontierst die verloren gegangene Person: Du gibst ihr zu verstehen, dass es das, was sie sucht oder will, gar nicht gibt. Was sie sagt, ist sinnlos.

Nun bitten Sie die Schüler, einige der entstandenen Texte vorzulesen. Sie sollten darauf achten, dass keine Texte verlesen werden, die nur die Situation lächerlich machen. Gehen Sie dafür während der Vorbereitungszeit durch die Klasse/Gruppe und machen Sie sich einen Eindruck von den zu erwartenden Produkten. Wenn die Stimmung des Verlorenen durch das Verlesen von 2 bis 3 Texten deutlich im Raum steht, stellen sich die drei Rollenspieler in drei Ecken des Klassenzimmers auf. Wir sind auf dem Platz voller Menschen. Sie laden ihre Schüler/Teilnehmer ein, selbst zu erleben, wie diese Szene vor sich gehen könnte, indem sie in die Rolle des Verlorenen schlüpfen. Wiederholen Sie die Szene ggf. 2 bis 3 Mal mit unterschiedlichen Protagonisten.

Anschließend besprechen Sie im Plenum oder in Kleingruppen, was die beobachtenden Schüler wahrgenommen haben und hören ein Feedback der Rollenspieler, wie sie sich erlebt haben. Sprechen Sie besonders auch über die drei Arten, wie mit dem Verlorenen umgegangen wurde. Sie sind verständlich, aber auch problematisch, auf jeden Fall typisch dafür, wie viele Menschen mit Demenzkranken umgehen.

Am Ende sollten Sie aber auch deutlich machen, dass das Spiel trotz seiner Qualitäten keine völlig authentischen Erfahrungen einer Demenz vermitteln kann. Man sollte daraus auch kein „Theater machen“.

 

Literaturquelle

Gymnasialpädagogische Materialstelle der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (Hrsg.): Jenseits der Freiheit. Demenz verstehen – Verständnis entwickeln – Zusammenleben gestalten. Eine Arbeitshilfe für das Gymnasium, für andere weiterführende Schulen und Bildungseinrichtungen von Heiner Aldebert, 2005, S. 68.

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